Neue Studien zu krebserregender Wirkung von Mobilfunk

Im Frühjahr 2018 wurden zwei neue Studien bezüglich Mobilfunk durch die internationale wissenschaftliche Presse* publiziert. Dabei handelt es sich einerseits um die ungeduldig erwartete amerikanische NTP-Studie (National Toxicology Programm) der US-amerikanischen Gesundheitsbehörden, sowie um die sogenannte Falcioni-Studie des italienischen Ramazzini Instituts, einer gemeinnützigen Organisation die sich für wissenschaftliche Forschung (Cesare Maltoni Cancer Research Centre), frühzeitige Diagnose sowie Information und Sensibilisierung einsetzt.

Bei beiden Studien wurden Mäuse und Ratten über einen längeren Zeitraum regelmäßig Mobilfunkstrahlung ausgesetzt (GSM 900 in der NTP-Studie, GSM 100 in der Falcioni-Studie).

Während zwei Jahren im Fall der Amerikaner wobei abwechselnd jeweils 10 Minuten der Mobilfunk an- und 10 Minuten ausgeschaltet war, sowie lebenslang im Fall der Italiener wobei die Tiere pausenlos dem Signal einer Mobilfunkantenne ausgesetzt waren. Bei beiden Studien lag die Belastung teilweise im oder knapp oberhalb dem Bereich der Belastung der man ausgesetzt ist, wenn man mit dem Handy telefoniert.

Beide Studien beobachteten einen zum Teil signifikanten Anstieg an verschiedenen Krebsarten, insbesondere an Schwannomen (auch Neurinome genannt, handelt es sich um Tumore des Nervensystems, meist im Kopf oder Halsbereich) im Falle der italienischen Studie im Bereich des Herzens. Die amerikanischen Autoren beobachteten außerdem eine Zunahme von Gliomen (Tumor der Gliazellen im Nervensystem), aber auch von malignen Lymphomen, Hypophysentumoren (die Hypophyse ist die Hirnanhangdrüse), von Schilddrüsenkrebs und von Hautkrebs.

Betroffen waren in erster Linie männliche Ratten. Auch weibliche Tiere waren teilweise betroffen, allerdings war hier der Zusammenhang weniger aussagekräftig (signifikant).

Kritik der ICNIRP (International Commission on Non-Ionizing Radiation Protection)

Im September 2018 veröffentlichte die ICNIRP, jener private, teilweise sehr umstrittener Verein, welcher  Grenzwerte im Bereich Elektrosmog bestimmt, die von der Weltgesundheitsorganisation WHO übernommen werden und somit allgemeine Gültigkeit erlangen eine Stellungnahme zu den beiden Studien.

Die ICNIRP lobt die beiden Studien, für ihre „good laboratory practice (GLP)“ , die große Anzahl an Ratten und Mäusen welche eingesetzt wurden, womit die Aussagekraft der Ergebnisse zunimmt, sowie die Tatsache, dass die Versuchstiere über ihr gesamtes Leben der Mobilfunkstrahlung ausgesetzt wurden.

Kritikpunkte sind die Frage der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen (dieser Kritikpunkt ist letztendlich bei jedem Tierversuch angebracht, nicht nur beim Mobilfunk), die Tatsache, dass die Nagetiere teilweise höheren  Strahlungsintensitäten bezogen auf das Körpergewicht ausgesetzt waren als Menschen wenn sie telefonieren, sowie die Tatsache, dass bei beiden Studien die erhöhten Krebsraten bei unterschiedlichen Strahlungsintensitäten also nicht bei den gleichen Intensitäten auftraten (so stieg die Krebsrate in der amerikanischen Studie bereits bei Strahlungswerte, bei denen in der italienischen Studie noch keine Zunahme der Krebsfälle zu beobachten war). Beide Studien seien somit „inconsistent“ also widersprüchlich oder zumindest nicht übereinstimmend.

Schließlich stimmten die Studien auch nicht mit der wissenschaftlichen Literatur um Thema Krebs und Mobilfunk überein (was gemäß dem Bericht des SCENIHR, also dem wissenschaftlichen Beirat der Europäischen Union) nicht wahr ist). Mit diesem Argument wäre Einsteins Relativitätstheorie nie anerkannt worden, stimmte sie doch nicht mit der bis dahin gültigen Literatur zum Thema überein.

Alles in allem erscheinen die Kritikpunkte der ICNIRP äußerst dürftig und kaum nachvollziehbar. Der Schrei nach „weiteren Studien“ um die Ergebnisse zu überprüfen und die Entscheidung die beiden Studien somit bei der Festlegung der Grenzwerte außer Acht zu lassen muss demnach als grob fahrlässig eingestuft werden.

Fahrlässig muss man in diesem Sinne demnach auch die Initiative der luxemburgischen Regierung einstufen, gerade jetzt das Mobilfunknetz auf 5G auszubauen, wo doch zahlreiche Wissenschaftler nach einem Moratorium verlangen, bis die Frage endgültig geklärt, sprich die selbst von der ICNIRP geforderten „weiteren Studien“ vorliegen und Klarheit schaffen. So sieht gesundheitliche Fürsorge wahrlich nicht aus.

Übrigens erschienen inzwischen bereits vier weitere „reviews**“, welche die Ergebnisse der beiden oben genannten Studien bestätigen und sogar den kausalen Wirkmechanismus, sprich die Art und Weise wie die Mobilfunkstrahlung wirkt und Krebs auslöst beschrieben.

Ralph Baden
September 2018

*Die NTP Studie wurde im „National Institute of Environmental Health Sciences“ des „National Institute of Health“ der US-amerikanischen Regierung und die Falcioni-Studie in Environmental Research veröffentlicht.
**Belpomme et al. 2018, Kivrak et al. 2017, Kocaman et al. 2018 und Wilke at al. 2018